Entwicklung der Landwirtschaft

19. und 20. Jahrhundert

 

 

Dingelbe wird seit alters her durch die Landwirtschaft geprägt; in diesem Bereich kam es nach 1800 zu revolutionären Veränderungen.

Früher war Dingelbe ein reines Bauerndorf, seine Einwohner lebten von der Land- und Viehwirtschaft. Im Jahre 1773 waren 76 Hofstellen registriert, von diesen waren zwei wüst, d.h. nicht bewirtschaftet. In Dingelbe war die Dreifelderwirtschaft vorherrschend. Die Feldmark war in drei Felder - Winter-, Sommer- und Brachfeld ­eingeteilt.

Nach der Land- und Wiesenbeschreibung des Dorfes Dingelbe im Amte Steuerwald von 1769 waren alle Hofstellen einem Grundbesitzer abgabepflichtig. Ihm musste der Zehnte entrichtet werden. Freie Höfe gab es nicht. Die Gemarkung umfasste 1874 1/4 Morgen, davon wurden 41 3/4 Morgen von Bauern aus den Nachbardörfern genutzt. Der Landbesitz der Gemeinde wurde mit 36 '/z Morgen Ackerland sowie 42 Morgen Getreidewiese angegeben. Erst infolge der Hannoverschen Ablösungsgesetze von 1831 und 1833 gelang es den Bauern, den Zehnten abzulösen. Die Ablösungen sowie die in Dingelbe von 1845 bis 1853 durchgeführte Verkoppelung verbesserte die Situation in der Landwirtschaft erheblich.

Damals lebten sämtliche Einwohner von der Landwirtschaft, die ortsansässigen Handwerker übten ihre Tätigkeiten nur nebenbei aus. Vor der Verkoppelung waren die Äcker fast durchweg nass und mit Unkräutern durchsetzt. Häufig kam es zur Auswinterung von Roggen und Weizen; Gerste und Hafer wurden von Unkraut unterdrückt. Aus diesem Grund konnten auch keine hohen Erträge erzielt werden. Die Viehzucht lag danieder. Rindvieh- und Schweinezucht brachten so gut wie keinen Gewinn; daher wurden diese Tiere nur für den eigenen Bedarf gemästet. Schafhaltung war das einzige, was bei den zahlreichen Weiden auf dem verpachteten Land einigen Nutzen abwarf - allerdings nur bei guten Wollpreisen. Die Einnahmen der Landbesitzer waren gering, auch die Arbeiter - wie Knechte, Enken (Gespannführer) und Tagelöhner - wurden schlecht bezahlt. Frauen wurden entweder gar nicht beschäftigt oder erhielten einen Hungerlohn. Die Männer mussten im Winter von 2 Uhr nachts an dreschen. Insgesamt bot Dingelbe um 1850 ein trostloses Bild; es wurde als "Dreckelbe" bezeichnet.

Die letztlich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eintretende positive Entwicklung der Landwirtschaft in Dingelbe und den benachbarten Dörfern ist nicht zuletzt dem 1848 gegründeten Landwirtschaftlichen Kreisverein Steinbrück mit seinen zahlreichen Aktivitäten zu verdanken. Die Verkoppelung wurde ebenso vorangetrieben wie die Einführung landwirtschaftlicher Maschinen. Es kam zur Anschaffung besserer eiserner Pflüge und Eggen; außerdem wurden die ersten Drillmaschinen aus England importiert. Schon vorher gab es Gras- und Flügelmäher (ab 1820 bzw. 1850). Ebenfalls aus England wurden Pferdehacken eingeführt. Sehr schnell entwickelte sich eine Drill- und Hackkultur auf Weizen, Hafer und Gerste. Aufgrund der neueingeführten Fütterung mit Weizen- und Roggenkleie sowie Ölkuchen, den Zukauf dieser Futtermittel von größeren Mühlen und durch verstärkten Anbau von Futtergewächsen nahm die Viehzucht ihren Aufschwung.

Als die Getreidepreise um 1840 einen sehr niedrigen Stand erreicht hatten, sah man sich in Deutschland nach anderen Erwerbsquellen um. In vielen Gebieten wurden Zuckerfabriken errichtet. Auch Dingelbe verfügte seit 1873 über eine solche Fabrik. Schon bald wurde der Rübenanbau im Bereich der Hildesheimer Bürde heimisch und verdrängte andere Ackerfrüchte; beispielsweise ging der Anbau von Flachs drastisch zurück. Die Landwirte erblickten in der Rübe eine rentable Anbaufrucht und dazu eine gute Futtergrundlage für das Vieh. Durch die Drainage sowie die zunehmende Anwendung von Kunstdünger konnten bis etwa 1900 die Erträge bei allen Getreidesorten deutlich gesteigert werden. Auch die Getreidepreise nahmen erheblich zu. Lagen diese durchschnittlich zwischen 1842 und 1850 bei 7 Mark für Roggen und 8,13 Mark fair Weizen, betrug sie zwischen 191 1 und 1914 für Roggen 8,94 Mark und für Weizen 10,26 Mark. In dieser Zeit vervierfachten sich die Löhne für Knechte, für Mädchen stiegen sie um das Fünffache sowie für Tagelöhner um das Fünf bis Siebenfache.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg kam es zum Einsatz von weiteren Maschinen wie Düngerstreuer und Mähmaschinen; auch Gras- und Flügelmäher sowie Binder wurden in dieser Zeit unentbehrlich. Zur Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Technik trug auch die Einführung des elektrischen Stromes bei. Der Erste Weltkrieg sowie die darauf folgenden Inflationsjahre machten sich auch in der Dingelber Landwirtschaft negativ bemerkbar. Düngemittel standen gar nicht oder nur unzureichend zur Verfügung. Getreide und Vieh mussten zwangsweise an den Staat abgegeben werden. Die defekt gewordenen Maschinen konnte man nicht ersetzen, da es an Handwerkern und Material für Instandsetzungen fehlte. Versorgungsengpässe verursachten eine schwere Hungersnot, den sog. Steckrübenwinter. Die galoppierende Inflation mit ihren hohen Zinsen belastete die Betriebe, die Löhne und Steuern häufig nicht mehr aufbringen konnten. Die Wirtschaftskrise Anfang der Dreißiger Jahre führte zu solch niedrigen Preisen, dass sie die Unkosten der Landwirte nicht mehr deckten. Die Kreditwund Preispolitik der NS-Regierung sowie ihre Autarkiebestrebungen, die Einfuhr ausländischen Getreides verhinderten, verhalfen der Landwirtschaft zu neuem Aufschwung, der allerdings nur wenige Jahre währte. Während des Zweiten Weltkrieges mussten bei äußerster Sparsamkeit die letzten Reserven mobilisiert werden, um eine Hungersnot abzuwenden.

Nach Kriegsende war Dingelbe mit Ausgebombten und Flüchtlingen überfüllt, und ihre Unterbringung bedeutete eine große Belastung; aber dank ihrerArbeitskraft konnten die landwirtschaftlichen Betriebe trotz des Mangels an Maschinen sowie Dünge- und Futtermitteln vielseitig und intensiv bewirtschaftet werden. Die Währungsreform des Jahres 1948 schuf wichtige Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik, auch in der Landwirtschaft. Ihre Entwicklung in den letzten 50 Jahren ist durch einen grundlegenden Strukturwandel gekennzeichnet. Dazu zählt die fortschreitende Technisierung, besonders ab 1960. Wurden bereits seit den Dreißiger Jahren Zugmaschinen (Trecker) sowie Raupenschlepper benutzt, fanden nun Vollerntemaschinen für die Bergung des Getreides und der Zuckerrüben allgemeine Verbreitung. Ein Mann reichte zur Bedienung des Mähdreschers und des Rübenvollernters aus.

 

Die Technisierung verdrängte die Pferde als Zugkräfte; sie sind heute ebenso wie Rinder und Schweine aus den Ställen verschwunden. Während bis in die Fünfziger Jahre hinein nahezu alle Dingelber in der Landwirtschaft gearbeitet hatten sind heute nur noch der Betriebsleiter sowie saisonale Kräfte beschäftigt. Die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Agrarmarktes im Rahmen der EU führte zur Aufgabe vieler bäuerlicher Betriebe. Gab es im Jahre 1950 in Dingelbe noch 49 Höfe, so existieren gegenwärtig sieben Vollerwerbs- und fünf Nebenerwerbshöfe. Bis in die Achtziger Jahre stiegen die Agrarpreise kontinuierlich an (z.B. 30 DM auf ein Zentner Weizen), danach halbierten sie sich bis heute. Der damit verbundene Kostendruck, der auch vor den Betriebskosten nicht halt machte, zwang die Landwirte zur Gründung von Maschinengemeinschaften. Es werden gemeinsam Zuckerrüben transportiert sowie Erntemaschinen (z.B. Mähdrescher und Rübenroder) eingesetzt. Außerdem riefen die Dingelber Landwirte 1993 die Waschplatzgemeinschaft (Wapag) ins Leben. Die Maschinen werden gemeinsam mit dem Ölabscheider "Ökonom" auf vorbildliche umweltschonende Weise gereinigt. Gegenwärtig werden in Dingelbe nur Weizen und Zuckerrüben (allerdings stellte die Zuckerfabrik 1967 ihre Produktion ein) sowie seit einigen Jahren Kartoffeln (für eine Pommes-frites-Fabrik) angebaut.

Während heute die Vereinzelung der Haushalte kontinuierlich zunimmt, leben die in der Landwirtschaft tätigen Familien noch weitgehend in mehreren Generationen unter einem Dach. Dies zeigt, dass die Landwirte in Dingelbe technologisch und ökonomisch mit der Zeit gehen, gleichzeitig aber auch traditionsbewusst sind.

 

 

Dr. Alexander Dylong Historiker