850 Jahre    ELVETHI   -   DINGELBE

 

Leben und Geschichte der Menschen eines Dorfes für einen Zeitraum von 850 Jahren umfassend darzustellen würde den Rahmen sprengen; ich beschränke mich deshalb auf die Erwähnung und Darstellung einiger Daten und Ereignisse dieser Geschichte.

Um 300 n.Chr.

Die Ansiedlung ELVETHI zählt zu den ersten Ansiedlungen der Sachsen in unserer Heimat. Elvethi gehört zum "VORHOLZ-GOE" im Gau "ASTFALA". Die Sachsen hatten eine rein bäuerliche Kultur mit Ackerbau und Viehhaltung und lebten sesshaft in Ansiedlungen zusammen, die sie Dörfer nannten. Die Menschen lebten in einer Lebensgemeinschaft auf genossenschaftlicher Basis auf einer gemeinsamen Feldmark zusammen.

775/776

Im zweiten Feldzug gegen die Sachsen unterwirft Karl der Große auch den Gau "Astfala" ; Elvethi gehört jetzt zum Reich der Franken.

Karl der Große belässt den Sachsen die bisherige "Gau-Verfassung" und ändert auch nicht die bisherigen Gewohnheiten des Zusammenlebens der Menschen. Diese lebten weiterhin als "freie Menschen" auf "freier Scholle" und entschieden auf der "Malstätte" ihres Dorfes in der Versammlung der Freien selbst über die Angelegenheiten der Gemeinschaft.

Unser Brinkplatz ist der Rest dieser Versammlungsstätte der Vorfahren. Dieser - damals größere Platz - hatte früher eine kleine Anhöhe, die von 4 Winterlinden umgeben war. Auf der Anhöhe lag der "Bauerstein' ; Linden und Bauerstein waren Kennzeichen für eine Gerichtsstätte, hier für das Bauerngericht. Um 1880 fand auf diesem Platz noch eine Versammlung der Bauern unter freiem Himmel statt. Auch nach der Umgestaltung des Platzes - um 1900 blieb er - bis heute ­Veranstaltungsort für die Feiern der Dorfgemeinschaft.

Um 807

Beginn der Christianisierung im Sachsenlande; für Elvethi geht sie von einer Taufkirche in Nettlingen aus.

Wann es im Dorf zu Errichtung der ersten Kapelle kommt ist nicht nachweisbar.

1132:

Erste Erwähnung des Rittergeschlechts von Elvede; in einer Urkunde des Bischof Bernhard I (1130-1154) wird Friedrich von Elvede in einer Auflistung von Hildesheimer Ministerialen genannt. Besitzungen dieses Rittergeschlechtes in Dingelbe sind urkundlich 1235 und 1246 bezeugt, mit Henning von Elvede wird es 1383 erloschen sein. Das Dingelber Wappen entspricht dem Siegel des Ritters Konrad von Elvede aus dem Jahr 1334.

1151

In einer Urkunde, die Bischof Bernhard I am 23. August 1151 ausfertigt, wird das Dorf mit der Schreibweise "ELVETHE" beurkundet. In der Urkunde bestätigt der Bischof den Besitz des Moritzstiftes Hildesheim, zu dem auch ein Hof in Dingelbe gehört. Dieser Hof erhielt 1765/66 die Brandkatasternummer 56 und war seit 1688 im Besitz der Familie Wichmann, heute Finke, Am Brink  9. 815 n.Chr. wird unter den Karolingern das Bistum Hildesheim mit Bischofssitz in Hildesheim gegründet. Das Bistum steht unter dem Schutz des Königs und erhält Immunität; der Bischof ist für die Bewohner des Gebietes des Bistums - dazu zählen auch die Bewohner von Elvethi - geistlicher und weltlicher Landesherr. Als solcher übt der Bischof auch Gerichtsgewalt über die Bewohner des Bistums aus.

Am 7. Oktober dieses Jahres hält Bischof Konrad II (1221 - 1246) in Dingelbe das Landthing, den großen Gerichtstag für das Bistum Hildesheim ab. Es kann angenommen werden, dass es damals schon eine christliche Kapelle in Dingelbe gab. Für die Wahl des Ortes für dieses Landthing dürfte die günstige Verkehrslage an der alten Heer- und Handelsstraße von Hildesheim nach Wolfenbüttel und weiter nach Halberstadt gewesen sein, die hier aufgrund einer Furt die Klunkau überquerte.

1295

Die Schreibweise des Ortsnamens ändert sich in Dingelvede und 1560 und 1671 in Elbe.

1371

Erstmals wird ein eigener Geistlicher im Ort erwähnt.

1142

Für den Ort und das Leben der Bewohner bekommt der Erbschenkenhof - später das Rittergut, heute Hof Harms - besondere Bedeutung. Der Hof war mit den bischöflichen Erbämtern des Erb- bzw Mundschenken verbunden und wurde dem jeweiligen Amtsinhabern als bischöfliches Lehen gegeben. 1442 verbündet sich der damalige Mundschenk Ernst von Meienberg mit dem Ritter Aschwin von Cramm, der nach dem Tod des Meienberg's Amt und Hof übernimmt. Zum Hof gehören damals in Dingelbe etwa 330 Morgen zehntfreies Ackerland, 5 lehnspflichtige Höfe, eine Wassermühle und eine Schäferei. Der Hof hat Anspruch auf den halben Korn- und Fleischzehnten des Ortes.

Es ist erforderlich an dieser Stelle einige Ausführungen zu der damaligen Situation der ländlichen Bevölkerung zu machen. Sie lebte ausschließlich von den selbst in Gemeinschaft erwirtschafteten Erträgen des Landes. Im Gegensatz zu den "Städtern", die in den Städten wohnten, bezeichnete man die Landbevölkerung insgesamt als "Bauern", da sie ja alle nur von der Landwirtschaft lebten. Ihre frühere "Freiheit" hatten die Bauern im Mittelalter nach und nach verloren, Besitzer von Grund und Boden waren die "Grundbesitzer" geworden, denen die Bauern lehns- und abgabepflichtig waren. Grundbesitzer in Dingelbe waren u.a. das Hildesheimer Domkapitel, das Kreuzstift, das Michaeliskloster, das Magdalenenkloster, verschiedene Rittergeschlechter (u.a. auch das Rittergeschlecht von Saldern) und auch wohlhabende Bürgerfamilien aus der Stadt Hildesheim. Diese absolute Abhängigkeit machte eigene Entscheidungen der Bauern in wirtschaftlicher Hinsicht annähernd unmöglich. Die nach 1800 beginnenden Maßnahmen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Bauern bezeichnet man daher zu Recht als "Bauernbefreiung".

1470

Die vorhandene Fachwerkkirche erhält den wuchtigen ca. 35 m. hohen Wehrturm, der auch den Menschen des Dorfes zum Schutz dienen soll.

1519-1523:

Die Auflehnung einiger Ritter unter Führung der Ritter von Saldern gegen den Bischof führt zur Hildesheimer Stiftsfehde in der auch im Dorf Dingelbe gebrandschatzt wird. Im anschließenden Quedlinburger Recess verliert das Bistum Hildesheim 2/3 seiner Fläche; Dingelbe verbleibt im Restbistum und wird zum Grenzdorf zum Braunschweiger Herzogtum. Über 100 Jahre - bis 1629 -müssen die Dingelber in dieser Situation mit dauernden Spannungen und Übergriffen der Braunschweiger leben. Dazu kam die Verarmung der Menschen auf dem Lande durch die Plünderungen und Verwüstungen durch die Stiftsfehde.

1557

Das Dorf gehört im sogenannten kleinen Stift des Bistums Hildesheim zum bischöflichen Amt Steuerwald. Dieses wird vom Bischof seinem Bruder, dem lutherischen Herzog Adolf von Holstein verpfändet. Nach dem damals geltenden Grundsatz, dass die Obrigkeit Recht und Pflicht hat die Religion der Untertanen zu bestimmen, kommt es diesem Jahr zur Einführung der Reformation in Dingelbe. Bis 1609 bleibt Dingelbe evangelisch und wird erst dann wieder rekatholisiert.

1618-1648

Der 30-jährige Krieg richtet auch im Hildesheimer Land unsagbaren Schaden an; es dauert Jahrzehnte bis die Verarmung der Bevölkerung annähernd überwunden ist, das trifft auch für die Menschen in Dingelbe zu. In diesen Zeitraum fällt die erste urkundliche Erwähnung einer Schule in Dingelbe im Jahr 1625. Sie wurde nur von den Jungen besucht, zur Einrichtung einer Mädchenschule kam es 1866 durch die Schulschwestern aus dem 3. Orden des Heiligen Franziskus.

1665

Die Landschatzbeschreibung des Amtes Steuerwald zählt für das Dorf Dingelbe 74 Hofstellen auf, davon werden 68 bewirtschaftet, 7 Hofstellen sind "wüst". Von den 16 Handwerkern (nebenberuflich) sind 7 "arm und bedürftig" und müssen betteln. Die allgemeine Not und Armut der bäuerlichen Bevölkerung führt auch dazu, dass Kirche und Friedhof - die von der Dorfgemeinschaft unterhalten werden müssen - in einem schlechten Zustand sind.

1785-1789

Der Zustand der alten Fachwerkkirche ist so schlecht, dass ein Neubau dringend erforderlich ist. Pastor Hermann Hülsenbeck, seit 1783 in Dingelbe, plant einen Neubau, der nach Abbruch der Fachwerkkirche in Angriff genommen wird. Obwohl der Archidiakon von Nettlingen, die in Dingelbe begüterten Grundherren und verschiedene Pfarrgemeinden aus dem Bistum sich mit Spenden an den Baukosten beteiligen, trägt die Dorfgemeinschaft die Hauptlast des Bauvorhabens. Nur bei Berücksichtigung der damaligen Verhältnisse kann diese Leistung der Einwohner richtig gewürdigt werden. Dingelbe ist ein reines Bauerndorf, alle Bewohner leben von der eigenen Land- und Viehwirtschaft. Neben den grundherrlichen Lasten, die drückend sind, entscheiden gute oder schlechte Ernten über "Wohl und Wehe" der Menschen; bei vielen herrscht bittere Armut. Der Bau verteuert sich, obwohl an allen Ecken und Enden gespart wird, auf 1.720 Reichsthaler und 6 Mariengulden. Ungedeckte Kosten müssen von den Einwohnern noch nach 1800 abgetragen werden; bis dahin werden nach und nach auch zurückgelassene Restarbeiten an der Kirche durchgeführt.

1803 / 1815

 "Im Jahre nach Christi Geburt 1803 wurde das hiesige fürstliche Bischoftum aufgehoben und bei das Königreich Preußen gesetzt ........ Im Jahre 1806 hatte der König von Preußen mit dem Kaiser Napoleon Krieg. Napoleon siegte und errichtete ein neues Königreich, welches den Namen Westphalen erhielt .... Im Jahre 1813 den 19. Oktober wurde eine Haupt-Schlacht bei Leipzig geliefert, wo der Kaiser Napoleon nebst unserem König von Westphalen total geschlagen wurden ...... Jetzt ist dieses Königreich unter dem hannoverschen Zepter; wir leben in soweit hier ruhig jedoch steigt ein abscheuliches Ungewitter wegen Religio sacra empor, wie die Nachwelt besser erfahren wird ......." So schildert der damalige Bauermeister von Dingelbe, Bernward Maxen, in einer Urkunde, die sich im 'Turmknopf unserer Kirche befindet, die "jetzige Weltgeschichte und was im kurzen Zeitraum von 10 Jahren für Merkwürdigkeiten passiert sind". Durch verschiedene Umstände und Entwicklungen dieser Zeit war die wirtschaftliche Lage der Landbevölkerung immer schlechter geworden. Missernten, Belastungen durch immer neue Abgaben führten - wie im gesamten Königreich Hannover - auch in Dingelbe zu Not und Armut. So verhütete im Jahre 1802 der Domdechant Freiherr August von und zu Weichs durch Verteilung von Brot und preiswerten Verkauf von Roggen in Dingelbe eine Hungersnot, nachdem ein Hagelunwetter im August die gesamte Ernte vernichtet hatte. Bei steigenden Einwohnerzahlen - 1785 = 535; 1803 = 657; 1821 = 682 - konnten die landwirtschaftlichen Erträge die Einwohner immer ungenügender ernähren. Damals wanderten viele Familien nach Übersee aus; auch Familien aus Dingelbe waren darunter. Diese Notlage der Bauern und der Landbevölkerung insgesamt forderte zwingend Maßnahmen zurVerbesserung der Situation .

1831-1833

Als ersten Schritt werden im Königreich Hannover die Ablösungsgesetze erlassen. Sie geben den Bauern die Möglichkeit sich von den drückenden Lasten der Hand- und Spanndienste, der verschiedenen Zinsbelastungen und des Zehnten gegen Zahlung einer einmaligen Entschädigung zu befreien. Später folgen die Rechtsgrundlagen für die Teilung der von der Dorfgemeinschaft bislang gemeinsam genutzten Gemeinheitsberechtigungen und die Verkoppelung.

1845-1853

Ablösungen, Gemeinheitsteilung und Verkoppelung werden in Dingelbe durchgeführt. Auch in Dingelbe führt diese Agrarreform zu einer völligen Änderung der Möglichkeiten der Menschen "ihre Dinge selbst in die Hand zu nehmen" und so ihre unerträglich gewordene wirtschaftliche Situation zu verändern. Die Verkoppelung, an der außer dem Rittergut 80 bäuerliche Hofstellen teilnehmen, gestaltet die Acker- und Wiesenfläche (mit den Wirtschaftswegen) völlig neu, schafft größere, wirtschaftlicher zu bearbeitende Ackerflächen und gibt den Einwohnern die Chance, ihre Lebensumstände insgesamt zu verbessern. Sie wird von der Dorfgemeinschaft genutzt, wie aus nachstehenden Ereignissen nachzuvollziehen ist.

1810

Es entsteht die Kornbrennerei, in der die "Dingelber Klunkauperle" gebrannt wird. Sie existiert ­mit steigendem Umsatz - bis zum 1. Weltkrieg.

1871-1873

Die Bauern des Dorfes schließen sich mit den Bauern der umliegenden Dörfer zu einer Genossenschaft zusammen und errichten die Dingelber Zuckerfabrik; sie arbeitet bis 1966 und gibt vielen Menschen Arbeit und Brot.

Um 1880

Die "Neue Schule" - das heutige Dorfgemeinschaftshaus wird gebaut.

1883

 52 Einwohner gründen die Freiwillige Feuerwehr, einer der ältesten Wehren im damaligen Gebiet des Landkreises Marienburg. Die Gemeinde schafft eine Handdruckspritze an.

1884

 Der Männergesangverein St. Cäcilia wird ins Leben gerufen.

1886

Die Molkereigenossenschaft wird gegründet und die Molkerei erbaut. Dingelbe ist jetzt das "Dorf mit den 5 Schornsteinen". (2 Brennerei, 2 Zuckerfabrik, 1 Molkerei)

1888

Das Pfarrhaus wird neu erbaut.

1899

Bauern und Handwerker des Dorfes gründen die Spar- und Darlehnskasse Dingelbe.

Im gleichen Jahr wird die Kirche um das Querschiff mit Sakristei und Paramentenkammer erweitert. 1905: Die Einwohnerzahl ist von 682 im Jahr 1821 auf 1.052 gestiegen; die Zahl der Wohngebäude stieg von 119 im Jahr 1871 bis 1900 auf 151. 1866 kam das Ende des Königsreiches Hannover; das Gebiet des Königreichs kam bei der großen Neuordnung in Deutschland zum Königreich Preußen. Nach und nach wurden im neuerworbenen Gebiet preußische Verfassungs- und Verwaltungsstrukturen eingeführt; Ab 1. April 1885 gehörte Dingelbe jetzt verwaltungsmäßig zum neugebildeten Landkreis Marienburg. Neben der "Bauernbefreiung" führte auch die Einführung der Gewerbefreiheit in Deutschland ab 1860 (in Preußen bestand sie schon etwa 20 Jahre vorher) zu einer allgemeinen Verbesserung der wirtschaftlichen Situation. Die Landwirtschaft steigerte die Erträge durch neue Bearbeitungsmethoden mit verstärktem Einsatz neuer Maschinen und durch Anbau neuer Erzeugnisse, in unserem Raum durch den Anbau der Zuckerrübe.

Um 1900

In Dingelbe sind folgende Handwerker ansässig

1 Böttchermeister - 4 Schlosser- / Klempnermeister - 2 Schmiedemeister - 3 Stellmachermeister - 3 Tischlermeister- 3 Malermeister- 6 Schuhmachermeister- 5 Schneidermeister und 2 Sattlermeister.

1912: Am 8.Juni 1912 gründen turnbegeisterte Einwohner den Turnverein Eiche Dingelbe, dessen Handballabteilung von den 30er Jahren ab Dingelbe zu einer "Handballhochburg" im Kreis werden lässt.

1914-1918

 Der Erste Weltkrieg unterbricht die weitere Aufwärtsentwicklung; 41 Männer aus Dingelbe kehren nicht in die Dorfgemeinschaft zurück.

1917

Die Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul eröffnen das St. Michaelsstift. Sie betreiben nicht nur einen Kindergarten sondern sind in vielfältiger Form für die Menschen im Ort da (Krankenstation, häusliche Krankenpflege, Näh- und Kochunterricht). Der Kindergarten wird seit Januar 1967 als Kindertagesstätte von der Pfarrgemeinde weitergeführt. Am 17. März 1917 schließen sich 50 Frauen aus Dingelbe zum Zweigverein Dingelbe des Katholischen Frauenbundes zusammen. Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sind Notjahre für die Menschen, die wirtschaftliche Situation vieler Familien ist durch Arbeitslosigkeit, durch Beschäftigung gegen geringes Entgelt angespannt, dazu kommen politische Unruhen in Deutschland, Belastungen durch Reparationszahlungen, die schleichende Geldentwertung und letztendlich die Inflation mit Verlust der Ersparnisse. Unter Schneidermeister Josef Kaune schließen sich 25 Einwohner zu einer Ortsgruppe des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten und-hinterbliebenen zusammen. Der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr wird gegründet. In schlechten Zeiten rückt man in einer Dorfgemeinschaft enger zusammen, findet sich mit

Gleichgesinnten in Gruppen und Vereinigungen zusammen; das ist auch in Dingelbe so. In diesen Jahren gibt es im Dorf den Kleinkaliber-Schießklub, den Kegelklub bei Himstedt, den Raucher- und Pfeifenclub "Pfeifchen glüh" und einen Radfahrverein. Aus der Gesangsgruppe des Marienvereins entwickelt sich ein Kirchenchor später ein Gemischter Chor. Trotz der unruhigen und wirtschaftlich angespannten Situation vergaßen die Dingelbe nicht das Feiern, wie man es von den Vorfahren kannte. Nicht nur die kirchlichen Feiertage wurden festlich begangen, in jedem Jahr feierte man ein mehrtägiges "Schützenfest", welches reihum von den Vereinen - meist in Verbindung mit einem Vereinsjubiläum - durchgeführt wurde; Höhepunkt der "Wintersaison" war die "Abendunterhaltung" des MGV Cäcilia mit Theateraufführungen.

1933

Das 1870/71 durch Zusammenschluß der Länder in Deutschland gegründete Deutsche Kaiserreich endete 1918, es folgte die Weimarer Republik. Die Innenpolitik dieser Republik wurde insgesamt einschneidend bestimmt durch die Forderungen der früheren Kriegsgegner nach Reparationszahlungen; erst nach Jahren konnten die damaligen Regierungen und Parteien "Erleichterungen" durch Verhandlungen erreichen. Als dadurch die Chance bestand, die Probleme im Inland zu lösen - bei bestehenden Auslandsschulden von 12 Milliarden Reichsmark -, brach die Konjunktur in Deutschland zusammen, die Arbeitslosenzahlen stiegen wieder an, die Weltwirtschaftskrise 1929/30 traf die deutsche Wirtschaft am härtesten.

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30.Januar 1933 endete die parlamentarische Demokratie in Deutschland; der Weg in die Diktatur begann. Nach Verbot aller übrigen Parteien, Zerschlagung der Gewerkschaften kam es zur "Einparteienherrschaft"; nach dem "Ermächtigungsgesetz" vom 24. März 1933 wurden die Länder "gleichgeschaltet" und der gesamte Staatsaufbau radikal umgestaltet. Dingelbe gehörte im Einheitsstaat Deutschland jetzt zur Provinz Hannover. Nur wenige Menschen in Deutschland erkannten, dass die jetzt nach und nach einsetzende Besserung der Lage bestimmt wurde durch die Absicht, die "deutschen Probleme" mit Gewalt zu lösen. Der begonnene Weg führte letztendlich zum Zweiten Weltkrieg.

1939-1945

Der Zweite Weltkrieg brachte unermessliches Leid über die Menschen in Europa. Die Verhältnisse in Dingelbe in dieser Zeit wurden in der Broschüre "Dingelbe 1945" umfassend dargestellt, darauf wird verwiesen. Von den 853 Einwohnern waren 208 Männer zum Kriegsdienst eingezogen worden, von diesen kehrten 104 nicht zurück; in der letztgenannten Zahl sind auch die Gefallenen und Vermissten der Familien eingerechnet, die nach Kriegsende in Dingelbe Aufnahme fanden. Das Dorf, am 10. April 1945 von amerikanischen Truppen besetzt, hatte im Krieg keine Kriegsschäden davongetragen; es gehörte vom April 1945 zur britischen Besatzungszone. Die Menschen im Dorf - unter ihnen auch Ausgebombte - atmeten auf: "Der Krieg ist zu Ende!". Was auf sie an Schwerem noch zukommen sollte, ahnten sie nicht. Der allgemeine totale Zusammenbruch der gesamten Versorgung traf zunächst die Einwohner noch nicht, man war ja was die Ernährung betraf "Selbstversorger".

1946-1948

In diesen Jahren verloren Millionen Deutsche durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat. Die im Potsdamer Abkommen der Siegermächte festgelegte Ausweisung aus den Ostgebieten sollte sich zwar "in geordneter und humaner Weise" vollziehen; die tatsächliche Durchführung sah anders aus. Innerhalb weniger Stunden musste - nur unter Mitnahme der allernötigsten Sachen ­Haus und Hof unter Zurücklassung aller Möbel, Einrichtungsgegenstände und Kleidung verlassen werden. In Viehtransportwagen wurden die Menschen nach Westen transportiert, viele überlebten den Transport nicht. Im Westen waren Behörden und Einrichtungen nur unvollständig über das was kam durch die Militärregierung vorbereitet. Diese hatte sich wohl erkundigt "ob genügend Särge vorhanden waren" und hatte vorgeschlagen, freie Wohnräume zu erfassen; aber erst als die Transporte schon rollten, wurden die voraussichtlichen Zahlen der zu versorgenden und unterzubringenden­

Menschen dem Landkreis mitgeteilt. Die Züge endeten zum größten Teil auf dem Bahnhof in Harsum, die Menschen wurden "auf die Orte verteilt", diese holten sie mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen dort ab. Dingelbe hatte schon viele ausgebombte Familien aufgenommen, ihre Unterbringung war schon nicht einfach. Vom Gemeinderat war - aus Vertretern des Rates und der Ausgebombten - eine Wohnungskommission gebildet, diese hatte festgelegt, dass auf ein Zimmer 1 1/2 Personen gerechnet werden sollten, um eine gerechte Verteilung im Ort zu erreichen. Der Saal der Gaststätte Lütje war als Notunterkunft eingerichtet; die eingerichtete Gemeinschaftsküche sollte die Warmverpflegung sichern. Oft halbtot vor Hunger und Erschöpfung trafen die Vertriebenen ein, nach einem Zwischenaufenthalt auf Lütjen Saal wurden sie in ihre Unterkünfte eingewiesen. Ende 1946 betrug die Einwohnerzahl des Ortes 1.896; zu Beginn des Krieges hatte sie 853 betragen. Der Winter 1946/47 war sehr hart, es herrschte über Wochen eine starke Kälte, die Situation der Menschen war verzweifelt. Es fehlten Betten, Einrichtungsgegenstände, Ofen, sonstige Bedarfsgegenstände; die "einheimische Bevölkerung" half nach besten Kräften, nicht alle notwendigen Dinge konnten beschafft werden. Es gab auch Enttäuschungen, Verärgerungen, Missstimmungen aber im allgemeinen bewährte sich ein gutes Miteinander in der Dorfgemeinschaft. 1946 war - mit Anordnung der Militärregierung ­das Land Niedersachsen gebildet, die Dingelber waren jetzt "Niedersachsen". An eine systematische Arbeit zur Änderung der gesamten Verhältnisse konnte man erst nach der Währungsreform im Jahr 1948 herangehen. In diesen Jahren wurden auch in Dingelbe Gruppen des Bundes der Vertriebenen sowie des Heimkehrerverbandes gegründet. Was sich außerdem in Dingelbe in dieser Zeit tat, kann den Berichten der Vereine und Verbände in diesem Heft entnommen werden.

1951

Die Gemeinschaft des Dorfes feiert die 800 Jahrfeier mit einem großen historischen Festzug, der von vielen Gästen aus nah und fern bewundert wird.

1961

Das Dorf zählt 1.152 Einwohner, von diesen leben 913 Personen von der Erwerbstätigkeit des Ernährers, 239 Personen von Rente, Sozialunterstützung oder eigenem Vermögen. Von den erwerbstätigen Ernährern sind 19°/ in der Land- und Forstwirtschaft, 40°/ im produzierenden Gewerbe, der Rest anderweitig tätig. (1950 lauteten die entsprechenden Zahlen für die Landwirtschaft noch 24°0, produzierendes Gewerbe 33°/). 42% der Erwerbspersonen sind in diesem Jahr bereits Auspendler. Der Wandel, der sich im Dorf vollzogen hat, wird auch in folgendem deutlich: Es gibt im Ort neben 46 landwirtschaftlichen Betrieben 51 nicht landwirtschaftliche Erwerbsstätten mit 182 Beschäftigten. Von diesen 51 Erwerbsstätten zählen zum verarbeitenden Gewerbe, 5 zum Baugewerbe, 13 zum Groß-und Einzelhandel und 24 zum Handwerk.

1965

Der Schützenverein wird gegründet; 1978 ruft dieser einen Spielmannszug ins Leben. 1970/1971: In Dingelbe wird das frühere Kesselhaus der Zuckerfabrik zu einer Sporthalle umgebaut. Die Halle ist im Kreisgebiet die erste Sporthalle mit internationalen Maßen.

1974

Die Gemeinde Dingelbe verliert ihre Selbständigkeit und geht in der Gemeinde Schellerten auf.

 

 

Rudi Hartmann Ortsheimatpfleger